Grundlagenforschung und Innovation
Im folgenden eine gekürzte Fassung des Artikels von Adrian Ritter für dasUZH Magazin
Ana Montalban-Arques war seit eineinhalb Jahren als Postdoktorandin am Universitätsspital Zürich tätig, als sich vielversprechende Ergebnisse ihrer Forschung zeigten. Sie beschäftigte sich mit der Frage, ob es einen Zusammenhang zwischen Darmkrebs und dem Mikrobiom, also der Bakterienbesiedlung in unserem Darm gibt. Ihr wurde klar: Bei Personen, die an Darmkrebs erkranken, ist das Mikrobiom anders zusammengesetzt, ihnen fehlt es an bestimmten Bakterienarten. Daraus ergab sich eine neue Frage: Könnte man daraus eine Therapie entwickeln, bei der den Betroffenen diese fehlenden Bakterien verabreicht werden?
Montalban-Arques’ Professor fragte sie deshalb: «Könntest du dir vorstellen, ein Unternehmen zu gründen und zu leiten, um das neu gewonnene Wissen in eine Therapie umzusetzen?» Die junge Forscherin musste ob dieser Frage erst einmal leer schlucken. Einen solchen Schritt hatte sich die damals 33-Jährige noch nie überlegt. Nach etwas Bedenkzeit und einigen Gesprächen unter anderem mit ihrem Partner, der in derselben Forschungsgruppe tätig war, sagte sie zu. Überzeugt hatte sie unter anderem das Argument, dass sich eine zukünftige Tätigkeit als Professorin und als CEO gar nicht so sehr unterscheiden: «Es geht hauptsächlich darum, ein Team zu führen und sich um die Finanzen zu kümmern», sagt sie.
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«Ich bin nicht die Einzige, viele andere sind diesen Weg schon vor mir gegangen und gehen ihn heute – gerade auch junge Frauen.» Anna Montalban-Arques, CEO und Gründerin Adularia |
Trotzdem sind Akademie und ein Spin-off zwei verschiedene Welten. Ana Montalban-Arques tauchte ab 2020 langsam in die für sie neue Unternehmenswelt ein. Ihr Ziel war klar: ein Unternehmen gründen, das basierend auf dem Mikrobiom im Darm eine neuartige Immuntherapie gegen Krebs entwickelt (vgl. Kasten). Der Weg zum Spin-off Recolony begann damit, dass sie sich erfolgreich für ein Entrepreneur-Fellowship an der UZH bewarb. Das Programm bietet Angehörigen der Universität Zürich Trainings, Networking und auch finanzielle Ressourcen, um ein Geschäftsmodell für ein geplantes Spin-off zu entwickeln. Weitere Unterstützung vom Schweizerischen Nationalfonds, von der Innovationsförderstelle Innosuisse und dem Wyss Zurich Translational Center stärkte die Zuversicht, dass sie und das dreiköpfige Gründerteam aus dem Universitätsspital Zürich mit ihrer Idee auf dem richtigen Weg sind.
Eine gute Idee reicht nicht
In der ersten Phase war Montalban-Arques weiterhin als Forscherin tätig, widmete sich aber nach der Gründung des Spin-offs 2022 ganz den Aufgaben als CEO. Die Forschung loszulassen, fiel ihr leicht: «Es war der nächste logische Schritt, unsere wertvollen Erkenntnisse nicht in der Schublade verstauben zu lassen, sondern daraus eine effektive Therapie zu entwickeln», sagt sie. Eine gute Idee allein reiche aber nicht für ein Spin-off, ist sie überzeugt. Man müsse sich auch fragen, ob damit ein reales Problem gelöst wird, ob es einen Markt gibt und ob sich die Idee patentieren lässt. Vor allem aber bedeutet, ein Spin-off zu gründen: «Man muss lernen, mit dem Unbekannten und einer offenen Zukunft umzugehen – auch dem Risiko, zu scheitern», sagt Montalban-Arques. Was ihr dabei geholfen hat, ist die Erfahrung: «Wer ein Unternehmen gründet, geht auf einem dunklen, unbekannten Weg, bei dem Schritt für Schritt die Beleuchtung vor einem eingeschaltet wird. Man wächst in die Rolle hinein.» Denn wenn man sich entschieden habe, Unternehmerin zu werden, öffneten sich immer weitere Türen mit unterstützenden Angeboten etwa für das Networking. Hilfreich war für sie zudem zu wissen: «Ich bin nicht die Einzige, viele andere sind diesen Weg schon vor mir gegangen und gehen ihn heute – gerade auch junge Frauen.»
Innovation Hub und Business Angels
Rund 170 Unternehmen wurden bisher von UZH-Wissenschaftler:innen gegründet. Eine ganze Palette von Initiativen steht bereit, um Angehörige der UZH bei einem solchen Vorhaben zu unterstützen. Das reicht vom Innovation Hub mit Kursen und Fellowships bis zur Technologietransfer-Organisation Unitectra mit Beratung etwa zu Patenten. Ausserhalb der Hochschule bieten eine Vielzahl weiterer Akteure Begleitung auf dem Weg zum Unternehmen an – von Wettbewerben wie VentureKick über Förderagenturen wie Innosuisse bis zu Netzwerken von Business Angels und Venture-Capital-Investoren.
All diese Initiativen sind in den letzten Jahrzehnten entstanden. «Das gab es früher nicht», erinnert sich Andreas Plückthun. Der Professor für Biochemie an der UZH gehört zu den Pionieren des Protein-Engineerings. Seine Forschung führte immer wieder zu Entdeckungen, die es ermöglichten, Proteine und Antikörper therapeutisch nutzbar zu machen gegen spezifische Krankheiten. Plückthun ist den Weg aus der Forschung zu einem Spinoff bereits viermal gegangen. Bei der ersten Gründung eines Spin-offs, an der er beteiligt war, war er 1992 noch als Forscher in Deutschland tätig: «Es war eine Zeit, als Firmengründungen aus Universitäten in Europa noch völlig unbekannt waren.» Vorbilder hatte Plückthun in den USA, wo er zuvor geforscht hatte. So war «Learning by Doing» angesagt, zumal es eben auch an unterstützenden Angeboten fehlte. Das dreiköpfige Gründerteam sprach mit Leuten in den USA und aus der Pharmabranche und holte sich schrittweise das nötige Wissen von weiteren Fachpersonen aus Wirtschaft und Recht.
Viel Überzeugungsarbeit nötig
Erst versuchte das Team, seine Forschungserkenntnisse direkt Pharmaunternehmen anzubieten oder diese als Investoren zu gewinnen – was scheiterte. «Kommt wieder, wenn ihr 90 Prozent des Weges zu einem Therapeutikum geschafft habt, war die Antwort der risikoscheuen Unternehmen», erinnert sich Plückthun. Dass da drei junge Wissenschaftler Erfolg haben könnten, traute ihnen niemand zu. So bestand die grosse Herausforderung darin, aufgrund fehlender anderer Finanzierungsmöglichkeiten von Anfang an private Investoren zu finden. «Es brauchte viel Überzeugungsarbeit», blickt Plückthun zurück. Aber es hat funktioniert: Sein erstes Spin-off MorphoSys gehört zu den Pionieren der Antikörper-Herstellung. Das Spin-off hat therapeutische Antikörper für diverse Erkrankungen entwickelt und auf den Markt gebracht, ging an die Börse und wurde 2025 von einem Pharmaunternehmen übernommen.
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«Hat man bereits ein erfolgreiches Unternehmen gegründet, ist das ein Leistungsausweis, der Türen öffnet.» Andreas Plückthun, Biochemiker und Serial Entrepreneur |
Bei den nächsten Spin-offs, die Plückthun 2004, 2014 und 2021 an der UZH mitgründete, wurde alles einfacher. Dies aus zwei Gründen. Einerseits änderte sich das gesellschaftliche Umfeld und Spin-offs wurden häufiger, die Skepsis schwand und die Finanzwelt wurde risikobereiter. Andererseits half die Erfahrung: «Hat man bereits ein erfolgreiches Unternehmen gegründet, ist das ein Leistungsausweis, der Türen öffnet. Jetzt kontaktierten uns Investoren sogar von sich aus, ob sie bei uns einsteigen dürfen, und wir konnten sehr erfolgreiche weitere Unternehmen aufbauen.»
Den richtigen Zeitpunkt erwischen
Heute erlebt Plückthun wieder weniger Risikobereitschaft bei Investoren. «Das hat viel mit Faktoren zu tun, die man nicht beeinflussen kann – etwa dem Zinssatz in den USA», sagt er. Während die Finanzierung der ersten drei Unternehmen gut funktionierte, wurde sie beim vierten später schwieriger und es musste vorerst aufgelöst werden. «Die Patente sind aber gesichert. Sobald es uns gelingt, eine Finanzierung zu finden, können wir neu starten», sagt er. «Das Wichtigste bei einer Firmengründung ist es, von Anfang an ein Team von Gleichgesinnten mit sich ergänzenden Fähigkeiten zu haben», sagt Andreas Plückthun. So war er immer derjenige, der die Forschung in seinem Labor initiierte und sich um ihre weitere Entwicklung kümmerte. Andere in den Gründungsteams hatten ein Interesse an Zahlen und widmeten sich den Finanzen, oder sie waren sehr kommunikativ und bahnten die Geschäftsbeziehungen an.
Und wie merkt man, wann der richtige Zeitpunkt ist, ein Spin-off zu gründen? «Aus der Sicht der Investoren waren wir immer zu früh. Sie wollten immer noch mehr Zweifel ausgeräumt haben und mehr Forschungsergebnisse, die zeigen, dass unsere Idee funktioniert», sagt Plückthun. Aber dieses sogenannte De-risking finde in der Praxis häufig erst in der Phase statt, wenn das Unternehmen bereits gegründet ist. Für ihn ist klar: Wenn man das passende Team und eine Idee hat, von der man überzeugt ist, dass sie auf dem Markt führend sein kann, sollte man nicht zu lange warten mit der Gründung: «Man muss die Chance ergreifen, sonst zerstreuen sich die richtigen Leute oder die Konkurrenz ist schneller.»

